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Jedes Jahr erleiden Millionen von Menschen ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT) – sei es durch einen Autounfall, einen Sturz oder einen Schlag gegen den Kopf. Trotz aller medizinischen Hilfsmittel, die Ärzten heute zur Verfügung stehen, gibt es jedoch noch immer keine zuverlässige Möglichkeit, das Gehirn vollständig vor den Schäden zu schützen, die infolge der plötzlichen Krafteinwirkung entstehen. Vielversprechend erscheint mithin eine aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeit, die den Blick auf das Coenzym Q10 richtet und darauf hindeutet, dass diese natürliche Substanz möglicherweise eine Schlüsselrolle beim Schutz des Gehirns und bei der Unterstützung der Genesung spielen könnte.
Wird jemand durch einen schweren Schlag am Kopf getroffen, so ist der Schaden nicht auf den unmittelbaren Aufprall beschränkt. Die energiehungrigen Zellen des Gehirns geraten ins Chaos und haben Mühe, an die zum Überleben notwendige Bioenergie heranzukommen. Das hat zum Großteil damit zu tun, dass die eigentlichen Zellkraftwerke unseres Körpers – die Mitochondrien – beschädigt und durchlässig werden, woraufhin schädliche Moleküle, sogenannte freie Radikale, freigesetzt werden. Dieser Teufelskreis aus unzureichender Energieproduktion und massivem oxidativen Stress kann die Schwellung des Gehirns verschlimmern, eine überschießende Entzündung auslösen und letztlich die Neuronen selbst durch Prozesse, die als Apoptose und Ferroptose bekannt sind, zur Selbstzerstörung treiben. Die Standardbehandlungen für das SHT konzentrieren sich hauptsächlich darauf, den Patienten zu stabilisieren und den Druck auf das Gehirn zu lindern, gehen aber kaum auf die tiefere zelluläre Krise ein.
Als lebenswichtige Verbindung ist das Coenzym Q10 seit Jahrzehnten bekannt. Es unterstützt die Mitochondrien bei der Energieproduktion, wirkt als starkes Antioxidans und hat entzündungshemmende Eigenschaften. Mit anderen Worten, es kann genau das erfüllen, worauf geschädigte Gehirnzellen angewiesen sind: die Energieproduktion ankurbeln, schädliche freie Radikale abfangen und die außer Kontrolle geratene Entzündungsreaktion beruhigen. Studien zu Schädel-Hirn-Traumata, die an Tiermodellen durchgeführt wurden, zeigen, dass die Gabe von Q10 die Schwellung des Gehirns und die Entzündungswerte verringern und sogar das Ausmaß des Zelltods im Gehirn eindämmen kann. In Experimenten mit Ratten und Mäusen haben Q10 oder seine leichter resorbierbaren Analoga dazu beigetragen, die Mitochondrien zu erhalten und die motorischen Fähigkeiten nach einer Beschädigung zu verbessern.
Trotz dieser vielversprechenden Ergebnisse wurde Q10 bei Menschen mit SHT noch nicht richtig getestet. Ein Grund dafür ist, dass Q10 als großes, fettlösliches Molekül die Blut-Hirn-Schranke – das natürliche Abwehrsystem des Gehirns, das das Eindringen vieler Substanzen verhindert – nicht leicht überwinden kann. Das bedeutet, dass selbst bei der Einnahme großer Mengen Q10 nur sehr wenig davon das Gehirn erreichen kann. Forscher haben versucht, synthetische Versionen von Q10 zu entwickeln oder den Nährstoff durch intravenöse Injektionen zu verabreichen, aber auch diese Ansätze haben ihre Grenzen.
Interessanterweise wird in dem Review ein möglicher Lösungsansatz aufgezeigt: der intranasale Weg. Die Forschung zeigt, dass bestimmte Wirkstoffe durch die Nase verabreicht werden können, direkt über die Geruchs- und Trigeminusnerven ins Gehirn gelangen und so die Blut-Hirn-Schranke völlig umgehen. Tierstudien deuten darauf hin, dass intranasal verabreichte Q10-Analoga das Hirngewebe effizienter erreichen, Schäden verringern und die Genesung nach Hirntraumata verbessern.
Coenzym Q10 ist bereits für seinen Nutzen über das Gehirn hinaus bekannt. Häufig wird es zur Unterstützung der Herzgesundheit eingesetzt und kann dabei helfen, Muskelschäden und Müdigkeit zu verringern. Es ist sogar daran beteiligt, eine optimale Funktion des Immunsystems sicherzustellen. Das ist an dieser Stelle besonders relevant, weil Menschen, die ein Hirntrauma erlitten haben, einem gesteigerten Risiko ausgesetzt sind, wegen der überschießenden Entzündungssituation Herzkomplikationen zu entwickeln. Es liegt also auf der Hand, dass eine Q10-Supplementierung für Patienten mit SHT von mehrfachem Nutzen sein kann.
Die große Frage ist jedoch: Wird dieser natürliche Ansatz jemals die ihm gebührende Aufmerksamkeit und Finanzierung erhalten? Bislang gibt es keine größeren klinischen Studien, in denen intranasales Q10 bei Patienten mit SHT getestet wurde, und nur eine kleine Pilotstudie bei Traumapatienten auf der Intensivstation legt nahe, dass eine Q10-Supplementierung Entzündungen verringern und die Krankenhausaufenthalte verkürzen könnte. In Anbetracht der Tatsache, dass Q10 sicher und gut verträglich ist – selbst bei sehr hohen Dosen wurden keine schwerwiegenden Nebenwirkungen festgestellt –, fragen Sie sich vielleicht, warum die Wissenschaftler nicht schneller handeln, um dessen volles Potential zu erkunden.
Ein Grund dafür ist, dass Q10 in seiner natürlichen Form nicht patentiert werden kann, was bedeutet, dass die Arzneimittelhersteller kein Interesse daran haben, in teure klinische Studien zu investieren. Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, wie das ›Pharmageschäft mit der Krankheit‹ bewusst einfache Naturstoffe ignoriert – selbst wenn sie für die Behandlungsergebnisse der Patienten einen großen Unterschied machen könnten.
Die besagte Übersichtsarbeit ruft in ihrer Schlussfolgerung mit Nachdruck zu weiterer Forschung auf, die erproben soll, ob Q10 – idealerweise über innovative Wege wie die intranasale Verabreichung – das fehlende Glied sein könnte, um die Genesung nach SHT zu verbessern. Wenn sich die positiven Ergebnisse der Tierstudien beim Menschen bestätigen, könnte diese vitaminähnliche Substanz eine kostengünstige, sichere und natürliche Möglichkeit sein, das Gehirn genau dann zu schützen, wenn es am stärksten gefordert ist. Hoffen wir, dass die notwendigen klinischen Studien bald durchgeführt werden.