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Seit mehr als zwei Jahrzehnten wurde eine wissenschaftliche Studie herangezogen, um Aufsichtsbehörden, Landwirten, Gärtnern und der Öffentlichkeit zu versichern, dass Monsantos meistverkauftes Unkrautvernichtungsmittel Roundup sicher sei. Nun wurde diese Publikation von der Fachzeitschrift, die sie einst veröffentlicht hatte, offiziell zurückgezogen. Als Grund genannt wurden schwerwiegende ethische Bedenken, untermauert mit Beweisen dafür, dass Monsanto selbst an der Erstellung der – angeblich unabhängigen – wissenschaftlichen Arbeit mitgewirkt hatte. Die Rücknahme deckt ein beunruhigendes Muster von Unternehmensbeeinflussung, manipulierten Belegen und Versagen der Regulierungsbehörden auf. Der Monsanto-Coup wirft dringende Fragen zur Sicherheit von Glyphosat auf, aber mehr noch zur Glaubwürdigkeit des Systems insgesamt, das doch eigentlich die öffentliche Gesundheit schützen soll.
Im April 2000 veröffentlichte die Fachzeitschrift Regulatory Toxicology and Pharmacology eine umfassende Übersicht mit dem vertrauenseinflößenden Titel: ›Sicherheitsbewertung und Risikobewertung des Herbizids Roundup und seines Wirkstoffs Glyphosat für den Menschen‹. Die abgelieferte Botschaft hätte nicht klarer sein können. Den Autoren zufolge stellte Glyphosat im Wesentlichen kein Krebsrisiko, kein Risiko für die Fortpflanzung und keine nachteiligen Auswirkungen auf die Entwicklung des Hormonsystems bei Menschen oder Tieren dar. Für Monsanto, den Hersteller von Roundup, war dieser Artikel Gold wert. Er wurde von Aufsichtsbehörden auf der ganzen Welt wiederholt zitiert und wurde zu einem Eckpfeiler der Verteidigung des Unternehmens gegen die zunehmenden wissenschaftlichen Beweise und rechtlichen Ansprüche, die Roundup mit Krebs in Verbindung brachten.
Entscheidend war, dass die Studie anscheinend von unabhängigen Wissenschaftlern stammte. Keiner der aufgeführten Autoren arbeitete für Monsanto. Diese vermeintliche Unabhängigkeit verlieh den Schlussfolgerungen enorme Glaubwürdigkeit. Die Aufsichtsbehörden stützten sich darauf. Industrieverbände warben dafür. In der wissenschaftlichen Literatur wurde hunderte Male darauf Bezug genommen. Jahrelang trug sie dazu bei, die weltweite Meinung zu prägen, dass Glyphosat sicher sei.
Hinter den Kulissen spielte sich jedoch eine ganz andere Geschichte ab.
Interne Dokumente von Monsanto, die erst durch Krebsprozesse in den Vereinigten Staaten ans Licht kamen, zeigen, dass Mitarbeiter des Unternehmens eine zentrale Rolle bei der Erstellung des Papiers gespielt haben. E-Mails deuten darauf hin, dass für Monsanto tätige Wissenschaftler bei der Datenerhebung, der Ausarbeitung des Textes, der Überprüfung von Argumenten und der Pflege der Beziehungen zu den namentlich genannten Autoren mitgewirkt haben. Ein Unternehmensvertreter feierte die Veröffentlichung unverhohlen als Ergebnis jahrelanger »harter Arbeit« der Monsanto-Mitarbeiter und listete sogar die beteiligten Mitarbeiter auf. Ein anderer leitender Angestellter schlug vor, diese Mitwirkenden mit Polohemden der Marke Roundup als Dankeschön für ihre gute Arbeit zu belohnen.
Am belastendsten ist vielleicht eine E-Mail aus dem Jahr 2015, in der ein Wissenschaftler von Monsanto die Studie offen als Beispiel für Ghostwriting bezeichnete. Er schlug vor, dass das Unternehmen erneut intern eine Studie verfassen und externe Wissenschaftler dafür entlohnen könnte, diese zu redigieren und mit ihrem Namen zu versehen. Dabei fügte er hinzu: »Erinnern Sie sich daran, dass wir so mit Williams, Kroes und Munro im Jahr 2000 verfahren sind.« Mit anderen Worten: Die angeblich unabhängige Studie, die die Welt von der Sicherheit von Glyphosat überzeugte, wurde zumindest in Teilen von genau dem Unternehmen verfasst, das vom Verkauf dieser Chemikalie profitierte.
Dies ist kein flüchtiger technischer Verstoß. Ghostwriting trifft den Kern der wissenschaftlichen Integrität. Die Wissenschaft ist auf Transparenz angewiesen darüber, wer eine Studie konzipiert, durchgeführt und ausgewertet hat. Wenn ein Unternehmen, bei dem es um Milliarden von Dollar geht, heimlich die Schlussfolgerungen einer Studie beeinflusst und diese aber als unabhängige wissenschaftliche Arbeit präsentiert, wird die Öffentlichkeit vorsätzlich in die Irre geführt.
Der Chefredakteur der Fachzeitschrift, Martin van den Berg, hat dies nun bestätigt. Als Grund für die Rücknahme des Artikels nannte er schwerwiegende ethische Bedenken hinsichtlich der Unabhängigkeit und Verantwortung der Autoren sowie die falsche Darstellung von Beiträgen, potentielle Interessenkonflikte und die Beeinträchtigung der akademischen Integrität. Er wies außerdem auf einen weiteren entscheidenden Schwachpunkt hin: Die Schlussfolgerungen des Artikels zum Krebsrisiko stützten sich ausschließlich auf unveröffentlichte Studien, die von Monsanto selbst vorgelegt worden waren, während andere öffentlich zugängliche Forschungsergebnisse, die aber Anlass zur Sorge gaben, ignoriert wurden. Diese selektive Verwendung von Belegen verzerrte die Schlussfolgerungen zugunsten des Unternehmens.
Der Zeitpunkt der Rücknahme ist bemerkenswert. Sie erfolgt 25 Jahre nach der Veröffentlichung und acht Jahre, nachdem die Ghostwriting-E-Mails vor Gericht bekannt wurden. Während dieser Zeit wurde der Artikel weiterhin unkritisch in Forschungsarbeiten, Regierungsberichten und sogar in Online-Referenzquellen zitiert. Wissenschaftler haben aufgezeigt, dass die irreführende Studie Hunderte von wissenschaftlichen Artikeln und zahlreiche regulatorische Entscheidungen beeinflusst hat. Auf diese Weise hat sich eine fehlerhafte, von der Industrie beeinflusste Publikation in der Wissenschafts- und Politiklandschaft etabliert und Entscheidungen geprägt, die Millionen von Menschen betrafen.
Monsanto, das 2018 für 63 Milliarden Dollar von Bayer aufgekauft wurde, beharrt darauf, dass seine Beteiligung ordnungsgemäß anerkannt wurde und dass Aufsichtsbehörden weltweit Glyphosat als sicher einstufen. Regierungsbehörden wie die US-Umweltschutzbehörde und Health Canada behaupten, dass sie sich nicht allein auf diese spezielle Studie gestützt, sondern viele andere Studien geprüft hätten. Diese Verteidigung geht jedoch am Kern der Sache vorbei. Regulierungsbehörden messen Übersichtsarbeiten, die umfassend und maßgeblich erscheinen, oft eine größere Bedeutung bei. Wenn eine solche Studie in Frage gestellt wird, kann dies den gesamten Bewertungsprozess verzerren.
Darüber hinaus ist die breitere wissenschaftliche Debatte über Glyphosat noch immer nicht abgeschlossen. Im März 2015 stufte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), die Teil der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist, Glyphosat offiziell als »mutmaßlich krebserregend für den Menschen« ein. Diese Schlussfolgerung, die weitgehend auf Tierversuchen und Hinweisen auf genetische Schäden basiert, steht in krassem Gegensatz zu den beschwichtigenden Beteuerungen von Monsanto und seinen Interessenvertretern. Gleichzeitig hat die Verwendung von Glyphosat weltweit explosionsartig zugenommen. Es ist heute das am häufigsten verwendete Pflanzenvernichtungsmittel auf dem Planeten und wird auf Nutzpflanzen, in Parks, an Straßenrändern und in Hausgärten versprüht. Das bedeutet, dass ein beträchtlicher Teil der Weltbevölkerung diesem Stoff ausgesetzt ist.
Die Rücknahme verdeutlicht auch ein tiefer liegendes Problem: die enge Beziehung zwischen Industrie und Aufsichtsbehörden. Unternehmen wie Monsanto haben längst erkannt, dass die Hoheit über die wissenschaftliche Darstellung genauso wichtig ist wie die Kontrolle des Produkts. Durch die Finanzierung von Studien, die Einflussnahme auf Bewertungen und die Formulierung dessen, was Aufsichtsbehörden als »Beweiskraft« ansehen, können sie sinnvolle Maßnahmen verzögern oder verwässern, selbst wenn ein echtes Risiko besteht. Wenn Fachzeitschriften nicht umgehend handeln und Aufsichtsbehörden weitermachen wie bisher, wird das Vertrauen der Öffentlichkeit untergraben.
Anwälte, die Krebsopfer vertreten, bezeichnen die zurückgezogene Studie als Paradebeispiel dafür, wie Unternehmen durch Ghostwriting, selektives Vorlegen von Nachweisen und voreingenommene Interpretationen selbst absichernde Verfahren wie die Begutachtung durch Fachkollegen (peer review) untergraben können. Gerichte haben bereits Milliarden von Dollar an Menschen zugesprochen, die nach der Verwendung von Roundup an Non-Hodgkin-Lymphomen erkrankt sind. Zehntausende Fälle stehen noch aus. Vor diesem Hintergrund erscheint die Vorstellung, dass die Sicherheit von Glyphosat erwiesen und unumstritten sei, zunehmend hohl.
Die Lehre daraus ist klar. Denn es geht hier nicht nur um eine einzige Veröffentlichung oder eine einzige Chemikalie. Es geht um ein System, das es einem profitgierigen Unternehmen ermöglicht hat, jahrzehntelang die ›Wissenschaft‹ zu beeinflussen, mit realen Folgen für die menschliche Gesundheit. Die längst überfällige Rücknahme macht den bereits entstandenen Schaden nicht rückgängig. Aber sie macht deutlich, dass wirklich unabhängige Forschung, strengere Regeln für Interessenkonflikte und ein vorsorglicher Umgang mit synthetischen Chemikalien, die in so großem Umfang eingesetzt werden, notwendig sind.
Wenn eine wissenschaftliche Zeitschrift schließlich zugibt, dass eine richtungsweisende Studie zur Sicherheit ethisch kompromittiert war, ist die angemessene Reaktion nicht Selbstzufriedenheit, sondern Alarm. Wenn die Wissenschaft, die uns versichert hat, dass Roundup sicher sei, nicht vertrauenswürdig ist, dann müssen die darauf basierenden Sicherheitsbehauptungen von Grund auf überprüft werden. Die Öffentlichkeit verdient Besseres als von Ghostwritern verfasste Beruhigungsversuche. Sie verdient Ehrlichkeit, Unabhängigkeit und ein Regulierungssystem, das die Gesundheit über die Interessen der Unternehmen stellt.