

Image: Freepik
Eine wichtige neue wissenschaftliche Studie warnt davor, dass Magnesiummangel zu einem weit verbreiteten und weitgehend übersehenen globalen Gesundheitsproblem geworden ist. Schätzungsweise 2,4 Milliarden Menschen weltweit nehmen nicht genug von diesem essentiellen Mineralstoff zu sich, wobei in den Vereinigten Staaten, Europa und ganz Asien hohe Mangelraten gemeldet werden. Die im International Journal for Vitamin and Nutrition Research veröffentlichte Studie bringt eine geringe Magnesiumzufuhr mit einem erhöhten Risiko für Herzerkrankungen, Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes, Osteoporose und Depressionen in Verbindung. Die moderne Ernährung, die von verarbeiteten Lebensmitteln dominiert wird, die Auslaugung der Böden durch intensive Landwirtschaft, die alternde Bevölkerung und das mangelnde Bewusstsein der Öffentlichkeit tragen vermutlich zu dem bei, was die Forscher als »stille« Krise der öffentlichen Gesundheit bezeichnen. Die Studie kommt daher zu dem Schluss, dass eine Verbesserung der Magnesiumzufuhr weltweit eine wichtige Rolle bei der Prävention chronischer Krankheiten spielen könnte.
Benötigt wird Magnesium für Hunderte von lebenswichtigen Prozessen im Körper. Es hilft bei der Umwandlung von Nahrung in Energie, unterstützt gesunde Muskeln und Nerven, reguliert den Blutzucker und hält den normalen Herzrhythmus aufrecht. Etwa 50 bis 60 Prozent des Magnesiums im Körper sind in den Knochen gespeichert, weniger als ein Prozent zirkuliert im Blut. Dies ist von Bedeutung, da der Magnesiumspiegel im Blut vom Körper streng reguliert wird und auch bei geringen Magnesiumvorräten normal erscheinen kann. Daher kann ein Mangel leicht unbemerkt bleiben.
Auf zellulärer Ebene stabilisiert Magnesium Adenosintriphosphat (ATP), jenes Molekül, das fast jeden biologischen Prozess antreibt. Ohne Magnesium haben Zellen Schwierigkeiten, effizient Energie zu produzieren. Der Mineralstoff spielt auch eine wichtige Rolle bei der Nervensignalübertragung und hilft dabei, die Kommunikation zwischen den Gehirnzellen zu regulieren. Im Herz-Kreislauf-System hilft Magnesium dabei, die Blutgefäße zu entspannen, einen gesunden Blutdruck aufrechtzuerhalten und einen normalen Herzrhythmus zu fördern. In den Knochen wirkt es gemeinsam mit Calcium und Vitamin D an der Aufrechterhaltung von deren Festigkeit und Struktur.
Trotz seiner Bedeutung nehmen viele Menschen über ihre Ernährung nicht genügend Magnesium auf. Nationale Ernährungsumfragen zeigen, dass fast die Hälfte der erwachsenen US-Amerikaner weniger als die empfohlene Menge zu sich nimmt. Ähnliche Muster sind unter anderem in Kanada, Mexiko, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Spanien, China, Japan, Indien und Korea zu beobachten. Eine unlängst durchgeführte globale Modellstudie, die 185 Länder umfasst, schätzt, dass etwa 31 Prozent der Weltbevölkerung eine unzureichende Magnesiumzufuhr haben. Das Problem betrifft sowohl wohlhabende als auch Entwicklungsländer gleichermaßen.
Mehrere Faktoren treiben diesen Trend voran. Einer der bedeutsamsten ist die moderne Umstellung der Ernährung hin zu stark verarbeiteten Nahrungsmitteln. Durch die Raffination von Vollkornprodukten können bis zu 80 Prozent ihres Magnesiumgehalts verloren gehen. Das Kochen von Gemüse kann zu Verlusten von bis zu 90 Prozent führen. Ultra-verarbeitete Snacks, Fast Food und zuckerhaltige Getränke ersetzen oft magnesiumreiche Lebensmittel wie Blattgemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen und Vollkornprodukte. Außerdem können zuckerhaltige Getränke den Magnesiumverlust über den Urin erhöhen.
Landwirtschaftliche Praktiken haben das Problem noch verschärft. So ist eine intensive Bewirtschaftung oft stark auf Düngemittel angewiesen, die hauptsächlich Stickstoff, Phosphor und Kalium enthalten. Im Laufe der Zeit hat der kontinuierliche Anbau ohne ausreichende Auffüllung zu einem Rückgang bestimmter Mikronährstoffe in vielen Böden geführt. Wenn der Magnesiumgehalt im Boden sinkt, enthalten natürlich auch die Pflanzen weniger davon. Die Autoren der Studie bezeichnen Magnesium als das »vergessene Element« der modernen Landwirtschaft. Kontinuierlicher Anbau ohne angemessene Mineralstoffzufuhr, insbesondere in sauren oder sandigen Böden, beschleunigt diesen Verlust.
Sozioökonomische Ungleichheiten verschärfen das Problem zusätzlich. In vielen Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen ernähren sich die Menschen überwiegend von poliertem Reis und raffinierten Grundnahrungsmitteln, die nur wenig Magnesium enthalten. Selbst in wohlhabenden Gesellschaften kann es zu »verstecktem Hunger« kommen, wenn nämlich die Kalorienzufuhr zwar ausreichend, jedoch die Zufuhr von Mikronährstoffen ungenügend ist. Ältere Menschen sind aufgrund einer verminderten Aufnahme, erhöhten Ausscheidungen über den Urin, einer begrenzten Ernährungsvielfalt, aber auch einer häufigen Einnahme von Medikamenten wie Diuretika und Protonenpumpenhemmern, welche den Magnesiumspiegel senken können, besonders gefährdet. Menschen mit Diabetes, Magen-Darm-Erkrankungen, chronischem Stress oder hoher körperlicher Aktivität können ebenfalls einen erhöhten Bedarf haben.
Die gesundheitlichen Folgen all dessen sind erheblich. Die stärksten Hinweise verbinden Magnesiummangel mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Umfangreiche Analysen mit Hunderttausenden von Teilnehmern zeigen, dass Menschen mit einer höheren Magnesiumzufuhr oder höheren Blutwerten ein deutlich geringeres Risiko für Herzerkrankungen und Schlaganfälle haben. Jede Erhöhung der Magnesiumzufuhr um 100 Milligramm pro Tag ist mit einem um 7 bis 10 Prozent geringeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden. Studien mit supplementärer Einnahme zeigen eine moderate, aber signifikante Senkung des Blutdrucks, was auf Bevölkerungsebene zu weniger Herzinfarkten und Schlaganfällen führen könnte.
Magnesium spielt auch eine wichtige Rolle bei der Blutzuckerkontrolle. Ein niedriger Magnesiumspiegel tritt häufig bei Menschen mit Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes auf. Studien deuten darauf hin, dass eine ausreichende Magnesiumzufuhr das Risiko, an Diabetes zu erkranken, senkt und die Insulinsensitivität bei Menschen mit Prädiabetes oder metabolischem Syndrom verbessern kann. In einigen Studien mit Nahrungsergänzungsmitteln wurden Verbesserungen der Blutzuckerwerte beobachtet. Da Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen eng miteinander verbunden sind, kann eine ausreichende Magnesiumzufuhr einen doppelten Nutzen haben.
Die Knochengesundheit ist ein weiterer wichtiger Bereich. Magnesium trägt zur Knochenmineraldichte bei und ist für die Aktivierung von Vitamin D erforderlich. Ohne ausreichend Magnesium kann Vitamin D nicht in seine aktive Form umgewandelt werden, was seine Wirksamkeit einschränken kann. Dies hat Forscher dazu veranlasst, ein Phänomen zu beschreiben, das als »magnesiumabhängige Vitamin-D-Resistenz« bekannt ist, bei dem eine alleinige Vitamin-D-Supplementierung nicht ausreicht, um Mangelerscheinungen zu beheben. Eine angemessene Magnesiumzufuhr aber vermag die Vorteile von Vitamin D für die Knochengesundheit zu verstärken.
Neueste Forschungsergebnisse deuten auch auf mögliche Zusammenhänge zwischen Magnesium, psychischer Gesundheit und neurologischen Störungen hin. Berichtet wurde über Zusammenhänge zwischen einer (zu) geringen Magnesiumzufuhr und Depressionen, Angstzuständen, Migräne und Schlafstörungen. Denn Magnesium übt Einfluss aus auf die Produktion von Stresshormonen, auf die Gehirnfunktion und auf Entzündungen, wobei all diese Vorgänge an der Regulierung der Stimmung beteiligt sind.
Angesichts des Ausmaßes des Problems fordern die Forscher koordinierte Maßnahmen. Eine Verbesserung der Ernährungsgewohnheiten ist unerlässlich. Ein erhöhter Verzehr von dunklem Blattgemüse, Bohnen, Linsen, Nüssen, Samen und Vollkornprodukten kann die Magnesiumzufuhr deutlich steigern. Aufklärungskampagnen und eine klarere Kennzeichnung von Lebensmitteln könnten den Menschen helfen, bessere Entscheidungen zu treffen. Agrarreformen, darunter magnesiumhaltige Dünger und Biofortifikation von Nutzpflanzen, könnten dazu beitragen, den Mineralstoffgehalt von Böden und Lebensmitteln wiederherzustellen. In bestimmten Bevölkerungsgruppen könnte die Anreicherung von Grundnahrungsmitteln oder Trinkwasser zusätzliche Unterstützung bieten. Auch die Einnahme von Magnesiumpräparaten kann vorteilhaft sein, insbesondere für Risikogruppen.
Die vorliegende Übersichtsarbeit kommt zu dem Schluss, dass Magnesiummangel ein bislang vernachlässigter, allerdings veränderbarer Faktor ist, um die weltweite Epidemie chronischer Erkrankungen einzudämmen. Magnesiumdefizite sind zwar nicht die einzige Ursache für Erkrankungen wie Herzkrankheiten oder Diabetes, aber eindeutig ein wichtiger Teil des Puzzles. Durch eine angemessene Behandlung könnten Gesellschaften bedeutende Fortschritte erzielen bei der Verringerung der Belastung durch nicht übertragbare Krankheiten.
Magnesium mag zwar noch nicht dieselbe Aufmerksamkeit wie einige andere Mikronährstoffe auf sich ziehen, doch seine Bedeutung für die menschliche Gesundheit ist enorm. Wie dieser umfassende Review deutlich macht, ist die Gewährleistung einer ausreichenden Magnesiumzufuhr keine Nebensache. Sie ist ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu einer gesünderen Welt.