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Es besteht die allgemeine Auffassung, dass Stress viele negative Auswirkungen auf die Gesundheit hat, darunter ein erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen. Gestützt wird dies durch Daten aus epidemiologischen und klinischen Studien sowie Tiermodellen, die einen Zusammenhang zwischen emotionalem Stress und der Wahrscheinlichkeit zeigen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu entwickeln, deren Fortschreiten zu beschleunigen und negative Folgen auszulösen.
Stress ist ein normaler und zu erwartender Teil des täglichen Lebens. Unser Körper kann mit herausfordernden Situationen umgehen, indem er die sogenannte »Kampf-oder-Flucht«-Reaktion auslöst, bei der er seine Funktionen auf Überlebensmechanismen in diesem Moment umstellt und andere Prozesse, wie beispielsweise die Verdauung, verlangsamt. Wenn wir Stress ausgesetzt sind, sendet unser Nervensystem Signale an die Nebennieren, Stresshormone wie Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin auszuschütten, die die Atmung beschleunigen und die Herzfrequenz und den Blutdruck erhöhen. Wir alle wissen, dass die Auswirkungen von Stress individuell sind und nicht alle Arten von Stressoren – von Verkehrsstaus, finanziellen Problemen oder Vorstellungsgesprächen bis hin zu dramatischen Lebenssituationen – von jedem Menschen gleich wahrgenommen werden. Das Gleichgewicht zwischen Cortisol, Noradrenalin und Adrenalin ist entscheidend dafür, dass man sich wohlfühlt, insbesondere unter Stress.
Allerdings beginnt Stress, der über Wochen oder länger andauert, sich negativ auf den Körper auszuwirken. Die mit chronischem Stress verbundenen hormonellen Veränderungen erschöpfen mit der Zeit die Nebennieren und beeinträchtigen das Herz- und Gefäßsystem, indem sie Herzerkrankungen verursachen (oder verschlimmern), den Blutdruck, den Zucker- oder Cholesterinspiegel erhöhen, Herzklopfen hervorrufen und Entzündungen verstärken. Langfristiger Stress kann die Bildung von Plaque in den Herzarterien (Atherosklerose) beschleunigen und Angina pectoris, Schlaganfall oder Herzinfarkt auslösen. Eine Studie, in der über 3 000 Erwachsene mit einem Durchschnittsalter von 40,2 Jahren ohne vorherige kardiovaskuläre Ereignisse untersucht wurden, kam zu dem Schluss, dass chronischer Stress im Zusammenhang mit Arbeit, Finanzen, Beziehungen oder Gesundheitsproblemen, der länger als sechs Monate andauerte, bei 220 Personen zu unerwünschten kardiovaskulären Ereignissen und einer geringeren Überlebenschance führte (1).
Stress kann Herz-Kreislauf-Probleme verursachen, indem er auf verschiedene Weise auf den Körper einwirkt:
Ernährungsgewohnheiten: Stress kann unseren Appetit, unsere Essensmenge und die Art der Lebensmittel, die wir wahrscheinlich wählen, beeinflussen. Chronischer Stress führt häufig zu übermäßigem Essen und zum Verzehr von stark verarbeiteten Nahrungsmitteln, die reich an Fett und Zucker sind. Die Wechselwirkungen zwischen Stress und Essgewohnheiten können neuroinflammatorische Reaktionen verstärken, das Gedächtnis beeinträchtigen, die Darmflora verändern und letztendlich eine Veranlagung für die Entwicklung von Fettleibigkeit, Herz-Kreislauf-Problemen, Diabetes und metabolischem Syndrom schaffen. Bei manchen Menschen führt chronischer Stress jedoch zu vermindertem Appetit und kann zu Depressionen beitragen.
Folgen langfristiger Entzündung: Die Tatsache, dass kardiovaskuläre Ereignisse und stressbedingte emotionale Störungen eine gemeinsame Epidemiologie aufweisen, könnte auf die Existenz biologischer Wege hinweisen, die diese beiden Krankheiten miteinander verbinden (2). Interessanterweise deuten einige Theorien darauf hin, dass unsere genetisch angelegte Reaktion auf Widrigkeiten zwar bei der Bewältigung von akutem Stress wirksam ist, nicht jedoch bei chronischem sozialem Stress. Unter lang anhaltendem Stress wird die Reaktion des Körpers unzuträglich und führt zu chronischen Entzündungen und gestörten Stoffwechselfunktionen (3).
Tatsächlich wurden sowohl bei Depressionen als auch bei Herzerkrankungen typische Blutmarker für Entzündungen sowie verminderte Serumspiegel von entzündungshemmenden mehrfach ungesättigten Fettsäuren vom Omega-3-Typ festgestellt. Entzündungen, die sowohl mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen als auch mit depressiven Störungen einhergehen, wirken sich negativ auf das Lipidprofil aus, beispielsweise durch einen niedrigen HDL-Cholesterinspiegel (»gutes Cholesterin«). Darüber hinaus können oxidativer Stress und beschleunigte Zellalterung – beides jeweils mit Angstzuständen und Depressionen in Verbindung gebracht – Herzprobleme verschlimmern (4).
Zusätzlich zu lang anhaltendem Stress kann wiederholte Belastung durch kurzfristigen Stress zu dauerhaften Schäden an der Auskleidung der Blutgefäße (Endothel) führen und Arteriosklerose auslösen. Die größte und umfassendste Studie, die die Auswirkungen von psychischem Stress bei Patienten mit Herzerkrankungen untersuchte, ergab, dass die Auslösung von psychischem Stress mit einer Verengung der Blutgefäße (Bluthochdruck), einer anhaltenden Erhöhung der Arteriensteifigkeit und einer endothelialen Dysfunktion verbunden war (5). Ähnliche Ergebnisse wurden auch in kleineren Studien mit Personen berichtet, die zuvor keine Herzprobleme hatten.
Beeinträchtigte Immunantwort: Die stressaktivierte Ausschüttung von Stresshormonen und Neurotransmittern moduliert die Funktion und Bewegung von Immunzellen. Während akuter Stress vorübergehend die Immunität stärken und den Schutz während einer Infektion fördern kann, stört oder hemmt chronischer Stress die Immunfunktion.
Es scheint, als würde der biologische Zusammenhang zwischen psychischem Stress, Immunität und Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch oxidativen Stress und Entzündungen vermittelt, welche die DNA schädigen, die Lipidperoxidation erhöhen und die Endothelauskleidung der Blutgefäße schädigen. Dies kann die Entstehung von Gefäßplaques auslösen, die Ursache für Herzinfarkte sind.
Das Herz ist nicht immun gegen Infektionen. Viren wie Influenza, SARS-CoV-2 (der Erreger von COVID-19) oder das West-Nil-Virus können eine Entzündung des Herzmuskels (Myokarditis) verursachen. Dieser Zustand kann den Muskel und die Nerven im Herzen schädigen, wodurch das Pumpen von Blut erschwert wird, und kann Brustschmerzen oder Herzrhythmusstörungen verursachen. Eine Herzentzündung kann auch zu einer Kardiomyopathie führen, die sich durch eine Verdickung der Herzwände äußert und zu Herzversagen führen kann.
Chronische stressbedingte systemische Entzündungen, bei denen der Körper gewissermaßen sich selbst angreift, verursachen nicht nur Krankheiten, sondern beeinträchtigen auch unsere Fähigkeit, uns von Krankheiten zu erholen. Stress steht in direktem Zusammenhang mit schlechteren Wundheilungsergebnissen. Studien zeigen, dass er den Heilungsprozess verlängert. Einige Daten deuten sogar darauf hin, dass 75 bis 90 Prozent aller menschlichen Krankheiten mit der Aktivierung des Stresssystems zusammenhängen.
Es gibt viele Aspekte, die weitere Aufmerksamkeit verdienen, beispielsweise wie Autoimmunerkrankungen oder die Wirksamkeit von Impfstoffen durch langfristigen Stress beeinflusst werden, sowie geschlechts- und altersbezogene Stressreaktionen. Es wurde beobachtet, dass bei Frauen mit stabiler Herz-Kreislauf-Erkrankung ein stressbedingter Anstieg des proinflammatorischen IL-6-Spiegels signifikant mit unerwünschten kardiovaskulären Ereignissen korrelierte, während bei Männern kein solcher Zusammenhang bestand. Eine ähnliche frauenspezifische Beziehung wurde für einen weiteren proinflammatorischen Faktor gefunden, das Chemokin Monozyten-Chemoattraktionsprotein-1 (MCP-1), das andere Entzündungsfaktoren und -zellen anzieht oder deren Expression verstärkt. Ein Anstieg von MCP-1 (auch bekannt als CCL2) wurde mit verschiedenen Krankheiten in Verbindung gebracht, darunter neuartige Coronavirus-Infektionen, Krebserkrankungen, neuroinflammatorische Erkrankungen, rheumatoide Arthritis und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.