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Sie werben mit niedrigen Kosten, einem Rund-um-die-Uhr-Service, einfachem Zugang, umgehender Terminvergabe, professioneller Gesundheitsbetreuung und schnell erhältlichen Verschreibungen. Die Rede ist von Telehealth-Anbietern. In den USA sind sie vor dem Hintergrund der COVID-19-Restriktionen, als Vor-Ort-Besuche beim Arzt erschwert waren, wie Pilze aus dem Boden geschossen. Die Ausweitung ihrer Nutzung wird kräftig forciert. Tatsächlich könnten Telehealth-Dienste eine sinnvolle Erweiterung in der Gesundheitsversorgung sein. In ihrer jetzigen Ausgestaltung bieten sie Pharmainteressen jedoch ein willkommenes Einfallstor, um das Geschäft mit der Krankheit voranzutreiben. Damit legen Telehealth-Anbieter die eigentliche Schwachstelle im aktuellen Gesundheitssystem offen: die mangelnde Orientierung auf ursachenbezogene Behandlung.
Medizin, die Grenzen überwindet, ist kein Wunschdenken mehr. Behandlungen auch dann durchzuführen, wenn zwischen Therapeut und Patient räumliche Distanzen liegen, war wegen unzureichender technologischer Möglichkeiten lange eingeschränkt oder hatte ein Nischendasein. Heute scheint es im Alltag angekommen. Vor allem in den USA haben sich online durchgeführte Sprechstunden einen festen Platz in der Patientenbetreuung erobert. Hausärzte, Kliniken, Psychologen bieten diese Dienste an. Den wesentlichen Durchbruch erfuhr die Telemedizin unter dem Eindruck der Pandemiemaßnahmen, als die Gesundheitsbehörden den Zugang und die medizinischen Standards von Telehealth-Anbietern »flexibilisierten«.
Schon damals wuchsen Bedenken wegen einer Aufweichung des Arzneimittelrechts. Fachleute warnten vor einem quasi legalisierten »drug dealing online«, wenn verschreibungspflichtige Medikamente ohne eine direkte Konsultation des Arztes an Patienten abgegeben werden. Verfolgt man die Entwicklung der letzten Jahre, scheinen sich diese Befürchtungen bewahrheitet zu haben. Etliche Telehealth-Anbieter tummeln sich inzwischen auf dem Markt und konkurrieren hart um die Patienten. Es fällt auf, dass bei praktisch allen Behandlungsschwerpunkten medikamentöse Ansätze im Vordergrund stehen. Angepriesen wird die schnelle Verfügbarmachung verschreibungspflichtiger Arzneimittel wie Antibiotika, Virustatika, Antiallergika, Schmerzmittel und Antirheumatika, Gewichtssenker vom GLP-1-Typ, Kontrazeptiva und anderen Hormonpräparaten, Antipsychotika und Antidepressiva.
Das intensive Bewerben von Medikamenten bei Telehealth-Anbietern spiegelt sich bei deren Nutzern wider. Repräsentative Auswertungen aus dem vergangenen Jahr ergaben, dass Patienten, die Telehealth-Dienste in Anspruch nehmen, mindestens 20% häufiger verschreibungspflichtige Medikamente anwenden. Bei bestimmten Untergruppen chronisch Erkrankter lag der Anteil sogar wesentlich höher.
Zu Beginn des Jahres verlängerte das US-Gesundheitsministerium zum vierten Mal die vorübergehende Flexibilisierung der Telemedizin und stellte zugleich eine dauerhafte Regulierung in Aussicht. Als Begründung für diesen Schritt wurde ausdrücklich benannt, dass die via Telehealth erteilten Verschreibungen für Millionen von Amerikanern zu einer »Rettungsleine« geworden seien. Diesen Weg gelte es zu verstetigen, auch um »Patienten zu schützen« und »vor Kursänderungen zu bewahren«. Die zynische Doppelbödigkeit in diesen Aussagen ist mit Händen zu greifen. Von einem tragfähigen Gesundheitswesen, das auf Prävention anstatt auf Intervention setzt, ist hier jedenfalls keine Rede. Vielmehr wirkt die Festschreibung der Flexibilisierung wie ein ausgerollter Roter Teppich für die einflussreiche Pharmaindustrie. Groß waren die Begehrlichkeiten dieser Branche von Anfang an. Dass Telehealth als lukrative Vermarktungsstrategie gesehen wird, ist kein Geheimnis. Welche Rolle hier dem Patienten zugedacht ist, ergibt sich von selbst! Ebenso offensichtlich ist, welchen ›Störfaktor‹ die Wiederherstellung oder gar die Bewahrung von Gesundheit darstellt.
Tatsächlich haben sich Modelle etabliert, in denen die jeweiligen Pharmahersteller sich auf ihren Webseiten direkt an die »Endverbraucher« richten und ihnen Telehealth-Dienste empfehlen, wo sich bequemerweise sofort ein Termin vereinbaren lässt und schließlich – nicht ganz zufällig – genau das »passende« Produkt für die entsprechende Befindlichkeit verschrieben wird. Coupons oder andere Anreize tragen das ihrige zu dieser Wahrscheinlichkeit bei. Möglicherweise begann diese »verbraucherfreundliche« Geschäftsanbahnung sogar noch einen Schritt vorher: durch eine gezielte Werbung auf Social-Media-Plattformen oder den »uneigennützigen Hinweis« eines Influencers. Niemand wird ernsthaft erwarten, dass bei dieser innigen Partnerschaft zwischen Pharma- und Telehealth-Unternehmen die Gesundheit des Patienten/Kunden im Vordergrund des Interesses steht. Es ist gerade so, als ob bei einem wirklichen Arztbesuch der Pharmavertreter gleich mit am Tisch sitzen würde und gefällige Unterstützung beim Ausstellen des Rezepts leistet. Wer das für richtig hält – bitte! Doch eine unabhängige Gesundheitsversorgung sieht anders aus!
Es muss in diesem Zusammenhang daran erinnert werden, dass verschreibungspflichtige Medikamente die dritthäufigste Todesursache in den USA sind, wenn nicht sogar bereits an der Spitze stehen. – Ein Missstand, der sich leicht beseitigen ließe! Problematisch ist besonders die Polypharmazie, also die Anwendung mehrerer Medikamente gleichzeitig, die sich in ihren Nebenwirkungen umso heftiger niederschlagen, weil sich diese nicht einfach addieren oder etwa aufheben. Bei psychiatrischen Arzneimitteln ist Polypharmazie nicht etwa die Ausnahme, sondern die Regel. Auch bei anderen chronischen Erkrankungen, etwa im Bereich Herz-Kreislauf, steigern sich die negativen Effekte durch die Dauereinnahme mehrerer Medikamente.

Fälle von unerwünschten Nebenwirkungen, die im Zusammenhang mit den genannten Medikamenten beim FDA System zur Überwachung unerwünschter Ereignisse gemeldet wurden. Abgefragt am 16.06.2026
Wie zu beobachten ist, geht die zunehmende Inanspruchnahme von Telehealth-Diensten einher mit der vermehrten Verschreibung von Medikamenten. Dass dies – mit gewisser Verzögerung – Folgen hat, liegt auf der Hand. Ablesen lässt sich die erwartbare Zunahme gemeldeter Nebenwirkungen beispielsweise bei der Arzneimittelklasse der Antibiotika. Über die unmittelbaren Effekte beim Patienten hinaus, besteht beim leichtfertigen Einsatz von Antibiotika bekanntermaßen die Gefahr, dass sich Resistenzen ausbilden.
Der Telehealth-Trend weist allen Versprechungen zum Trotz keinen Ausweg aus dem Dilemma ausufernder Kosten in einem System, das Gesundheit nur vermeintlich liefert. Solange der Kern des Problems, das Pharma-Investmentgeschäft mit der Krankheit, unangetastet bleibt, wird der virtuelle Austausch zwischen Patient und Arzt allenfalls der digitale Ersatz für ein echtes Behandlungsgespräch sein.
Die Vorteile, die in Bezug auf Telehealth-Dienste ins Feld geführt werden (die Ersparnis weiter Wege; die Verringerung des Ansteckungsrisikos leicht übertragbarer Krankheiten; die Verkürzung zeitlicher Abläufe pro Patient, wenn begrenzt verfügbares Gesundheitspersonal im Schnitt mehr Menschen behandelt), können unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht die Nachteile aufwiegen. Zu diesen zählen auch die offensichtlich limitierten Beurteilungs- und Untersuchungsmöglichkeiten bei einer Videokonsultation. Vielfach sind nicht einmal diese technischen Voraussetzung erfüllt, und der Kontakt besteht nur gesprächsweise oder gar in schriftlicher Form (E-Mail, Chat). Wie lassen sich bei solch gravierenden Einschränkungen zuverlässige Diagnosen treffen? Wie kann unter diesen Umständen die Qualität der ärztlichen Behandlung abgesichert werden? So wie Telehealth heute ausgestaltet ist, erleichtert diese Technologie primär die Verordnung (bzw. weitere Verschreibung) bestimmter Medikamente.
Zum anderen gibt es datenschutzrechtliche Risiken. Wie lässt sich die Sicherheit bei der Übermittlung und Verarbeitung sensibler Daten gewährleisten? Wer hat, in welchem Umfang, Zugriff darauf? Wer kontrolliert dies?
Zentral bleibt die Frage, wie eine sachlich nicht gerechtfertigte Beeinflussung des Arzt-Patienten-Verhältnisses durch Dritt-Interessen verhindert werden kann. Die Unabhängigkeit eines Telehealth-Anbieters ist zwingend erforderlich. Diese wird in jedem Fall korrumpiert, wenn zugleich ein Anreiz für den Verkauf von Medikamenten gesetzt wird. Umgekehrt muss es jeden skeptisch machen, wenn man auf den entsprechenden Produktseiten von Pharmaherstellern empfohlen bekommt, bei welchem Telehealth-Dienst oder auch Arzt in seiner Nähe man sich eingehender über dieses Präparat »beraten lassen« kann.
Eine tragfähige Gesundheitsversorgung verwirklichen wir, indem wir die gesundheitlichen Belange der Menschen aus dem Klammergriff wirtschaftlicher Interessensgruppen befreien. Die Prävention bzw. ursachenorientierte Behandlung auf Basis wissenschaftlich begründeter Naturheilverfahren schaffen hierzu die Grundlage. Ausschlaggebend für die Umsetzung ist die Überwindung der weit verbreiteten Unmündigkeit. Jeder kann und sollte sich an dieser Aufklärung beteiligen. Aus diesem Blickwinkel vermag online-gestützte gesundheitliche Bildung tatsächlich einen wichtigen Beitrag zu leisten.