PFAS in Arz­nei­mit­teln sind oft er­setz­bar
3. Juli 2026
Studie: Vi­ta­min K2 ver­zö­gert ko­ro­na­re Athe­ro­skle­ro­se
17. Juli 2026

Die un­er­träg­li­che Leicht­fer­tig­keit des Dr. Di­gi­tal

Fragen? Kontaktieren Sie uns!

Image: envato.com

Sie wer­ben mit nie­dri­gen Kos­ten, ei­nem Rund-​um-​die-​Uhr-​Ser­vice, ein­fa­chem Zu­gang, um­ge­hen­der Ter­min­ver­ga­be, pro­fes­sio­nel­ler Ge­sund­heits­be­treu­ung und schnell er­hält­li­chen Ver­schrei­bun­gen. Die Re­de ist von Te­le­health-​An­bie­tern. In den USA sind sie vor dem Hin­ter­grund der COVID-​19-​Re­strik­tio­nen, als Vor-​Ort-​Be­su­che beim Arzt er­schwert wa­ren, wie Pil­ze aus dem Bo­den ge­schos­sen. Die Aus­wei­tung ihrer Nut­zung wird kräf­tig for­ciert. Tat­säch­lich könn­ten Te­le­health-​Diens­te ei­ne sinn­vol­le Er­wei­te­rung in der Ge­sund­heits­ver­sor­gung sein. In ih­rer jet­zi­gen Aus­ge­stal­tung bie­ten sie Phar­ma­in­te­res­sen je­doch ein will­kom­me­nes Ein­falls­tor, um das Ge­schäft mit der Krank­heit vor­an­zu­trei­ben. Da­mit le­gen Te­le­health-​An­bie­ter die ei­gent­li­che Schwach­stel­le im ak­tu­el­len Ge­sund­heits­sys­tem of­fen: die man­geln­de Orien­tie­rung auf ur­sa­chen­be­zo­ge­ne Be­hand­lung.

Me­di­zin, die Gren­zen über­win­det, ist kein Wunsch­den­ken mehr. Be­hand­lun­gen auch dann durch­zu­füh­ren, wenn zwi­schen The­ra­peut und Pa­tient räum­li­che Dis­tan­zen lie­gen, war we­gen un­zu­rei­chen­der tech­no­lo­gi­scher Mög­lich­kei­ten lan­ge ein­ge­schränkt oder hat­te ein Ni­schen­da­sein. Heu­te scheint es im All­tag an­ge­kom­men. Vor al­lem in den USA ha­ben sich on­line durch­ge­führ­te Sprech­stun­den ei­nen fes­ten Platz in der Pa­tien­ten­be­treu­ung er­obert. Haus­ärz­te, Kli­ni­ken, Psy­cho­lo­gen bie­ten die­se Diens­te an. Den we­sent­li­chen Durch­bruch er­fuhr die Te­le­me­di­zin un­ter dem Ein­druck der Pan­de­mie­maß­nah­men, als die Ge­sund­heits­be­hör­den den Zu­gang und die me­di­zi­ni­schen Stan­dards von Te­le­health-​An­bie­tern »⁠flexibilisierten⁠«.

Schon da­mals wuch­sen Be­den­ken we­gen ei­ner Auf­wei­chung des Arz­nei­mit­tel­rechts. Fach­leu­te warn­ten vor ei­nem qua­si le­ga­li­sier­ten »⁠drug dea­ling on­line⁠«, wenn ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Me­di­ka­men­te oh­ne ei­ne di­rek­te Kon­sul­ta­tion des Arz­tes an Pa­tien­ten ab­ge­ge­ben wer­den. Ver­folgt man die Ent­wick­lung der letz­ten Jah­re, schei­nen sich die­se Be­fürch­tun­gen be­wahr­hei­tet zu ha­ben. Et­li­che Te­le­health-​An­bie­ter tum­meln sich in­zwi­schen auf dem Markt und kon­kur­rie­ren hart um die Pa­tien­ten. Es fällt auf, dass bei prak­tisch al­len Be­hand­lungs­schwer­punk­ten me­di­ka­men­tö­se An­sät­ze im Vor­der­grund ste­hen. An­ge­prie­sen wird die schnel­le Ver­füg­bar­ma­chung ver­schrei­bungs­pflich­ti­ger Arz­nei­mit­tel wie An­ti­bio­ti­ka, Vi­ru­sta­ti­ka, An­ti­al­ler­gi­ka, Schmerz­mit­tel und An­ti­rheu­ma­ti­ka, Ge­wichts­sen­ker vom GLP-​1-​Typ, Kon­tra­zep­ti­va und an­de­ren Hor­mon­prä­pa­ra­ten, An­ti­psy­cho­ti­ka und An­ti­de­pres­si­va.

Das in­ten­si­ve Be­wer­ben von Me­di­ka­men­ten bei Te­le­health-​An­bie­tern spie­gelt sich bei de­ren Nut­zern wi­der. Re­prä­sen­ta­ti­ve Aus­wer­tun­gen aus dem ver­gan­ge­nen Jahr er­ga­ben, dass Pa­tien­ten, die Te­le­health-​Diens­te in An­spruch neh­men, min­des­tens 20% häu­fi­ger ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Me­di­ka­men­te an­wen­den. Bei be­stimm­ten Un­ter­grup­pen chro­nisch Er­krank­ter lag der An­teil so­gar we­sent­lich hö­her.

Zu Be­ginn des Jah­res ver­län­ger­te das US-​Ge­sund­heits­mi­nis­te­rium zum vier­ten Mal die vor­über­ge­hen­de Fle­xi­bi­li­sie­rung der Te­le­me­di­zin und stell­te zu­gleich ei­ne dau­er­haf­te Re­gu­lie­rung in Aus­sicht. Als Be­grün­dung für die­sen Schritt wur­de aus­drück­lich be­nannt, dass die via Te­le­health er­teil­ten Ver­schrei­bun­gen für Mil­li­o­nen von Ame­ri­ka­nern zu ei­ner »⁠Rettungsleine⁠« ge­wor­den sei­en. Die­sen Weg gel­te es zu ver­ste­ti­gen, auch um »⁠Pa­tien­ten zu schüt­zen⁠« und »⁠vor Kurs­än­de­run­gen zu be­wah­ren⁠«. Die zy­ni­sche Dop­pel­bö­dig­keit in die­sen Aus­sa­gen ist mit Hän­den zu grei­fen. Von ei­nem trag­fä­hi­gen Ge­sund­heits­we­sen, das auf Prä­ven­tion an­statt auf In­ter­ven­tion setzt, ist hier je­den­falls kei­ne Re­de. Viel­mehr wirkt die Fest­schrei­bung der Fle­xi­bi­li­sie­rung wie ein aus­ge­roll­ter Ro­ter Tep­pich für die ein­fluss­rei­che Phar­ma­in­dus­trie. Groß wa­ren die Be­gehr­lich­kei­ten die­ser Branche von An­fang an. Dass Te­le­health als lu­kra­ti­ve Ver­mark­tungs­stra­te­gie ge­se­hen wird, ist kein Ge­heim­nis. Wel­che Rol­le hier dem Pa­tien­ten zu­ge­dacht ist, er­gibt sich von selbst! Eben­so of­fen­sicht­lich ist, wel­chen ›⁠Stör­fak­tor⁠‹ die Wie­der­her­stel­lung oder gar die Be­wah­rung von Ge­sund­heit dar­stellt.

Zu wes­sen Nut­zen ist die Sprech­stun­de am Bild­schirm?

Tat­säch­lich ha­ben sich Mo­del­le eta­bliert, in de­nen die je­wei­li­gen Phar­ma­her­stel­ler sich auf ih­ren Web­sei­ten di­rekt an die »⁠End­ver­brau­cher⁠« rich­ten und ih­nen Te­le­health-​Diens­te emp­feh­len, wo sich be­que­mer­wei­se so­fort ein Ter­min ver­ein­ba­ren lässt und schließ­lich – nicht ganz zu­fäl­lig – ge­nau das »⁠pas­sen­de⁠« Pro­dukt für die ent­spre­chen­de Be­find­lich­keit ver­schrie­ben wird. Cou­pons oder an­de­re An­rei­ze tra­gen das ih­ri­ge zu die­ser Wahr­schein­lich­keit bei. Mög­li­cher­wei­se be­gann die­se »⁠ver­brau­cher­freund­li­che⁠« Ge­schäfts­an­bah­nung so­gar noch ei­nen Schritt vor­her: durch ei­ne ge­ziel­te Wer­bung auf So­cial-​Me­dia-​Platt­for­men oder den »⁠un­ei­gen­nüt­zi­gen Hin­weis⁠« ei­nes In­flu­en­cers. Nie­mand wird ernst­haft er­war­ten, dass bei die­ser in­ni­gen Part­ner­schaft zwi­schen Phar­ma- und Te­le­health-​Un­ter­neh­men die Ge­sund­heit des Pa­tien­ten⁠/​Kun­den im Vor­der­grund des In­te­res­ses steht. Es ist ge­ra­de so, als ob bei ei­nem wirk­li­chen Arzt­be­such der Phar­ma­ver­tre­ter gleich mit am Tisch sit­zen wür­de und ge­fäl­li­ge Un­ter­stüt­zung beim Aus­stel­len des Re­zepts leis­tet. Wer das für rich­tig hält – bit­te! Doch ei­ne un­ab­hän­gi­ge Ge­sund­heits­ver­sor­gung sieht an­ders aus!

Es muss in die­sem Zu­sam­men­hang da­ran er­in­nert wer­den, dass ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Me­di­ka­men­te die dritt­häu­figs­te To­des­ur­sa­che in den USA sind, wenn nicht so­gar be­reits an der Spit­ze ste­hen. – Ein Miss­stand, der sich leicht be­sei­ti­gen lie­ße! Pro­ble­ma­tisch ist be­son­ders die Po­ly­phar­ma­zie, al­so die An­wen­dung meh­re­rer Me­di­ka­men­te gleich­zei­tig, die sich in ih­ren Ne­ben­wir­kun­gen um­so hef­ti­ger nie­der­schla­gen, weil sich die­se nicht ein­fach ad­die­ren oder et­wa auf­he­ben. Bei psy­chia­tri­schen Arz­nei­mit­teln ist Po­ly­phar­ma­zie nicht et­wa die Aus­nah­me, son­dern die Re­gel. Auch bei an­de­ren chro­ni­schen Er­kran­kun­gen, et­wa im Be­reich Herz-​Kreis­lauf, stei­gern sich die ne­ga­ti­ven Ef­fek­te durch die Dau­er­ein­nah­me meh­re­rer Me­di­ka­men­te.

Fäl­le von un­er­wünsch­ten Ne­ben­wir­kun­gen, die im Zu­sam­men­hang mit den ge­nann­ten Me­di­ka­men­ten beim FDA Sys­tem zur Über­wa­chung un­er­wünsch­ter Er­eig­nis­se ge­mel­det wur­den. Ab­ge­fragt am 16.06.2026

Wie zu be­ob­ach­ten ist, geht die zu­neh­men­de In­an­spruch­nah­me von Te­le­health-​Diens­ten ein­her mit der ver­mehr­ten Ver­schrei­bung von Me­di­ka­men­ten. Dass dies – mit ge­wis­ser Ver­zö­ge­rung – Fol­gen hat, liegt auf der Hand. Ab­le­sen lässt sich die er­wart­ba­re Zu­nah­me ge­mel­de­ter Ne­ben­wir­kun­gen bei­spiels­wei­se bei der Arz­nei­mit­tel­klas­se der An­ti­bio­ti­ka. Über die un­mit­tel­ba­ren Ef­fek­te beim Pa­tien­ten hin­aus, be­steht beim leicht­fer­ti­gen Ein­satz von An­ti­bio­ti­ka be­kann­ter­ma­ßen die Ge­fahr, dass sich Re­sis­ten­zen aus­bil­den.

Be­frei­ung aus der Un­mün­dig­keit

Der Te­le­health-​Trend weist al­len Ver­spre­chun­gen zum Trotz kei­nen Aus­weg aus dem Di­lem­ma aus­ufern­der Kos­ten in ei­nem Sys­tem, das Ge­sund­heit nur ver­meint­lich lie­fert. So­lan­ge der Kern des Pro­blems, das Phar­ma-​In­vest­ment­ge­schäft mit der Krank­heit, un­an­ge­tas­tet bleibt, wird der vir­tu­el­le Aus­tausch zwi­schen Pa­tient und Arzt al­len­falls der di­gi­ta­le Er­satz für ein ech­tes Be­hand­lungs­ge­spräch sein.

Die Vor­tei­le, die in Be­zug auf Te­le­health-​Diens­te ins Feld ge­führt wer­den (die Er­spar­nis wei­ter We­ge; die Ver­rin­ge­rung des An­steckungs­ri­si­kos leicht über­trag­ba­rer Krank­hei­ten; die Ver­kür­zung zeit­li­cher Ab­läu­fe pro Pa­tient, wenn be­grenzt ver­füg­ba­res Ge­sund­heits­per­so­nal im Schnitt mehr Men­schen be­han­delt), kön­nen un­ter den ge­gen­wär­ti­g­en Be­din­gun­gen nicht die Nach­tei­le auf­wie­gen. Zu die­sen zäh­len auch die of­fen­sicht­lich li­mi­tier­ten Be­ur­tei­lungs- und Un­ter­su­chungs­mög­lich­kei­ten bei ei­ner Vi­deo­kon­sul­ta­tion. Viel­fach sind nicht ein­mal die­se tech­ni­schen Vor­aus­set­zung er­füllt, und der Kon­takt be­steht nur ge­sprächs­wei­se oder gar in schrift­li­cher Form (E-Mail, Chat). Wie las­sen sich bei solch gra­vie­ren­den Ein­schrän­kun­gen zu­ver­läs­si­ge Dia­gno­sen tref­fen? Wie kann un­ter die­sen Um­stän­den die Qua­li­tät der ärzt­li­chen Be­hand­lung ab­ge­si­chert wer­den? So wie Te­le­health heu­te aus­ge­stal­tet ist, er­leich­tert die­se Tech­no­lo­gie pri­mär die Ver­ord­nung (bzw. wei­te­re Ver­schrei­bung) be­stimm­ter Me­di­ka­men­te.

Zum an­de­ren gibt es da­ten­schutz­recht­li­che Ri­si­ken. Wie lässt sich die Si­cher­heit bei der Über­mitt­lung und Ver­ar­bei­tung sen­sib­ler Da­ten ge­währ­leis­ten? Wer hat, in wel­chem Um­fang, Zu­griff da­rauf? Wer kon­trol­liert dies?

Zen­tral bleibt die Fra­ge, wie ei­ne sach­lich nicht ge­recht­fer­tig­te Be­ein­flus­sung des Arzt-​Pa­tien­ten-​Ver­hält­nis­ses durch Dritt-​In­te­res­sen ver­hin­dert wer­den kann. Die Un­ab­hän­gig­keit ei­nes Te­le­health-​An­bie­ters ist zwin­gend er­for­der­lich. Die­se wird in je­dem Fall kor­rum­piert, wenn zu­gleich ein An­reiz für den Ver­kauf von Me­di­ka­men­ten ge­setzt wird. Um­ge­kehrt muss es je­den skep­tisch ma­chen, wenn man auf den ent­spre­chen­den Pro­dukt­sei­ten von Phar­ma­her­stel­lern emp­foh­len be­kommt, bei wel­chem Te­le­health-​Dienst oder auch Arzt in sei­ner Nä­he man sich ein­ge­hen­der über die­ses Prä­pa­rat »⁠be­ra­ten las­sen⁠« kann.

Ei­ne trag­fä­hi­ge Ge­sund­heits­ver­sor­gung ver­wirk­li­chen wir, in­dem wir die ge­sund­heit­li­chen Be­lan­ge der Men­schen aus dem Klam­mer­griff wirt­schaft­li­cher In­te­res­sens­grup­pen be­frei­en. Die Prä­ven­tion bzw. ur­sa­chen­orien­tier­te Be­hand­lung auf Ba­sis wis­sen­schaft­lich be­grün­de­ter Na­tur­heil­ver­fah­ren schaf­fen hier­zu die Grund­la­ge. Aus­schlag­ge­bend für die Um­set­zung ist die Über­win­dung der weit ver­brei­te­ten Un­mün­dig­keit. Je­der kann und soll­te sich an die­ser Auf­klä­rung be­tei­li­gen. Aus die­sem Blick­win­kel ver­mag on­line-​ge­stütz­te ge­sund­heit­li­che Bil­dung tat­säch­lich ei­nen wich­ti­gen Bei­trag zu leis­ten.

Share this post: